Gesundheit und Gesundheitsmanagement in Zeiten von zunehmender Digitalisierung

Vor mehr als einem Jahr tauchte eine neue Krankheit auf, die die WHO basierend auf dem ihr zugrunde liegenden Virus Covid-19 nannte. Wie wir alle wissen ist diese Krankheit weltweit verbreitet und hat unser gesamtes Leben grundlegend verändert. Besonders betroffen von dieser Pandemie ist jedoch unsere Arbeitswelt. Die meisten Arbeitnehmer*innen in Deutschland mussten ihr Leben sehr schnell komplett neu organisieren. Sie mussten sich mit neuen digitalen Arbeitsprozessen, Homeschooling, eingeschränktem Privatleben und den damit verbundenen Herausforderungen arrangieren.

Corona beschleunigt die digitale Transformation der betrieblichen Arbeitswelt.“ 

Zur Eindämmung der Verbreitung des Virus und zum Schutz der Arbeitnehmer*innen suchten Organisationen nach neuen Konzepten und Arbeitsmodellen. Örtlich flexibles Arbeiten, ermöglicht durch digitale Arbeitsabläufe und die entsprechenden Programme, wurde dort, wo es möglich war, implementiert.  Somit wurde die Digitalisierung der Arbeitswelt quasi über Nacht großflächig angestoßen und umgesetzt. Digitalisierung, etwas womit sich viele Arbeitgeber*innen eher zögerlich auseinandergesetzt haben, musste im Eilverfahren umgesetzt werden. Aber wie geht es den Betroffenen eigentlich jetzt, nach immerhin mehr als einem Jahr damit? Welche positiven und auch negativen Auswirkungen hat das flexible Arbeiten, oftmals von zuhause, auf unsere Gesundheit? Und vielleicht noch wichtiger – welche Möglichkeiten gibt es auch in dieser neuen Arbeitsrealität auf die Gesundheit von einzelnen Mitarbeiter*innen, Führungskräften und Teams positiv einzuwirken und diese Umstellung als Chance zu nutzen?

Die verschiedenen Teilbereiche von Gesundheit und der gesunde Mitarbeiter

Gesundheit ist ein vieldimensionaler Begriff, der laut der Definition der WHO einen „Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“ bezeichnet. Unter Gesundheit ist also nicht die reine Abwesenheit einer Krankheit zu verstehen, sondern vielmehr ein in verschiedenen Lebensbereichen verankerter positiver Zustand, der dazu führt, dass wir uns als Menschen gut fühlen. Anders ausgedrückt, nur wenn wir uns als Individuen in unserem Körper und unserer Psyche gut fühlen und uns gleichzeitig in einem (sozialen-) Umfeld befinden, das uns ein Gefühl der sozialen Verbundenheit gibt, fühlen wir uns wirklich gesund.

Bezogen auf die Arbeitswelt bedeutet dies, dass ein gesunder Mitarbeiter sich sowohl in seiner persönlichen physischen und psychischen Gesundheit gefördert fühlt und darin unterstützt wird diese zu erhalten. Gleichzeitig ist das Arbeitsumfeld so gestaltet, dass ein positiver sozialer Austausch möglich ist. Darüber hinaus definiert sich der gesunde Mitarbeiter dadurch, dass er seine Kompetenzbereiche in aktives Handeln, also Tun umsetzen kann. So kombiniert er seine Fachkompetenz, bestehend aus seinem Wissen und seiner Erfahrung, mit seiner Methodenkompetenz, also der Kenntnis über die richtigen Werkzeuge und Instrumente, und seiner Sozialkompetenz, der Fähigkeit sich in seinem Umfeld zu verhalten und zu kommunizieren, in seinem Tun. Im besten Fall wird der Mitarbeiter* durch seine Tätigkeit in einem Unternehmen in allen diesen Bereichen gefordert und gefördert und ist so aktiv und handlungsfähig. Diese gesunde Balance in den wichtigen Kompetenzbereichen führt zu einem Gefühl der Ausgeglichenheit im Berufsleben und unterstützt somit die Gesamtgesundheit des jeweiligen Menschen.

Lost im Home-Office – Macht uns die veränderte Arbeitssituation krank?

Laut der Studie social health @work  der Barmer in Kooperation mit der Universität St. Gallen  arbeiten die Befragten bedingt durch die Corona-Pandemie durchschnittlich 35,7 Stunden pro Woche mobil anstatt zuvor durchschnittlich 15,9 Stunden. Die Studie untersucht die Auswirkungen der Digitalisierung der Arbeitswelt auf die Gesundheit der Beschäftigten in Deutschland und legt ihren Fokus auf die soziale Gesundheit der Menschen.  Gemeint ist damit ein „Zustand des sozialen Wohlbefindens im Arbeitskontext, bei welchem Personen gesunde Verhaltensweisen und Arbeitsbeziehungen entwickeln und nutzen, um das Spannungsfeld von Erreichbarkeit und Abgrenzung, Autonomie und Eingebundenheit sowie Produktivität und Erholung erfolgreich und gesund zu gestalten.“ 1

Durch den schnellen Umstieg der meisten Organisationen auf Arbeit von zu Hause und den damit verbundenen Umstellungen der Arbeitsinfrastruktur besteht die Gefahr, dass viele Mitarbeiter*innen aus ihrer professionellen und schließlich auch gesundheitlichen Balance geraten könnten.  Denn es handelt sich hierbei um einen Prozess, der die einzelnen Mitabeiter*innen, die Teams und die gesamte Organisationsstruktur beeinflusst; Veränderung findet statt und löst vorhandene Konflikte auf und schafft neue. So bedeutet mobiles Arbeiten für viele Mitarbeiter*innen mehr Freiheit und ermöglicht es ihnen ihre Zeit individuell steuern zu können. Sie nehmen sich im Bestfall wieder mehr Zeit für ihre persönliche Gesundheit oder schaffen sich Zeit, um sich wirklich auf ihre Arbeitsaufgaben zu konzentrieren. Übrigens unterstützt ein gutes Zeitmanagement gesundes Arbeiten im Homeoffice. Lest hierzu auch gerne unseren Artikel unter https://www.reitznavigation.com/2073-2-zeitmanagement/.

Im negativen Fall müssen sie jedoch auf engstem Raum gleichzeitig arbeiten, familiären Verpflichtungen nachkommen, sich mit neuen digitalen Tools auseinandersetzen, die sie noch nicht kennen oder fühlen sich sozial komplett isoliert und vereinsamen.  Zusätzlich können sich neue Konflikte im Team entwickeln, besonders wenn es um Erreichbarkeit und Abgrenzung aber auch Zuverlässigkeit und Vertrauen geht. Auch die Führung eines digitalen Teams muss, wenn vorher nicht vorhanden, gelernt werden und einige Führungsstile werden sich als nicht mehr praktikabel herausstellen.

Digitalisierung als Chance für mehr Gesundheit in der Arbeitswelt

Neben den möglichen negativen Auswirkungen eines Wandels hin zu einer digitalen Arbeitswelt zeigt sich aber, dass die Vorteile mobiler Arbeit deutlich erkennbar sind. So gaben die Teilnehmer der Studie der Barmer an, dass sie ihre Produktivität während der mobilen Arbeit in der Pandemie als 4,2% höher einschätzen als vor der Pandemie an ihrem Arbeitsplatz und auch ihre Arbeitszufriedenheit steigt um 5,0% an.2  Dass auch die Wahrnehmung der Belastung durch Stress um 2,9% steigt und die Unsicherheit um 3,3% anwächst ist ein deutliches Zeichen dafür, dass ein Wandel stattfindet, nicht aber, dass Arbeiten außerhalb eines Büros und basierend auf digitalen Strukturen nicht funktioniert und krank macht.

Entscheidend ist, dass die Mitarbeiter*innen und Führungskräfte mit den richtigen Werkzeugen und Instrumenten ausgestattet sind, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen auch in einer veränderten Arbeitsumgebung einbringen zu können und außerdem die Möglichkeit haben mit ihren Kolleg*innen und Chef*innen angemessen kommunizieren zu können. Sind diese Bedingungen erfüllt kann mobiles Arbeiten sogar die Gesundheit fördern. Dies bestätigen auch die Befragten der Studie der Barmer, die über eine hohe digitale Kompetenz verfügen und bereits längere Zeit remote gearbeitet haben. Ihre psychische Arbeitsfähigkeit nahm während der Pandemie um 16,5% zu, ihr Stress reduzierte sich um 6,4% und ihre Produktivität stieg um 13,9% im Vergleich zu mobil arbeitenden Beschäftigten mit geringer digitaler Kompetenz.3

Eines zeichnet sich deutlich ab: Die Digitalisierung im Kontext der Arbeitswelt 4.0 wurde durch die Pandemie beschleunigt und es ist zu erwarten, dass sich einige Veränderungen auch nach Covid-19 in unserem Arbeitsalltag halten werden. Die Chancen für eine gerechtere Arbeitswelt, die auch auf individuelle Lebensumstände und Bedürfnisse der Mitarbeiter*innen eingehen kann sind in dieser flexibleren Form des Arbeitens deutlich erkennbar. Wenn Leader, besonders in Hinblick auf die Förderung und Erhaltung der Gesundheit von Mitarbeiter*innen ein Betriebliches Gesundheitsmanagement implementieren, das die Digitalisierung mitdenkt, kann ein positiver Wandel stattfinden. Denn die Zukunft der Arbeit hat begonnen und erfordert von uns eine besondere Form des Changemanagements – im besten Fall eines, dass den Fokus auf die psychische, physische und soziale Gesundheit aller Mitarbeiter*innen einer Organisation legt.

1.https://www.barmer.de/blob/276178/ea66685b839e7aded009101aa7ba7641/data/dl-studie-social-health-work.pdf S.17

2. Ebd. S. 20

3. Ebd. S. 32

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