Der praktische Nutzen des § 20 Sozialgesetzbuch V – Für Privatpersonen, Unternehmen und Dienstleister

Durch den §20 SGB V „Primäre Prävention und Gesundheitsförderung“ ist der Anspruch auf Kostenübernahme durch die Krankenversicherungen gesetzlich geregelt und festgehalten. Darüber hinaus werden durch ihn Qualitätsstandards festgelegt und geschaffen. Sie schaffen sowohl für Kunden, als auch für Anbieter von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und zur Primärprävention, mehr Transparenz und Sichtbarkeit der bereits vorhanden Angebote. Doch was genau bedeutet dies eigentlich in der Praxis für die verschiedenen Akteure? Bevor wir darauf näher eingehen möchten wir euch allerdings einen Überblick  über die verschiedenen Bereiche der Primärprävention und Gesundheitsförderung bieten. Sie alle fallen unter den §20 SGB V und sind zufälligerweise auch Kernthemen unseres Artikels, zu denen wir euch Praxistipps und nützliche Erklärungen anbieten.

Auf einen Blick – die verschiedenen Handlungsfelder und Präventionsprinzipien

  1. Individuelle verhaltensbezogene Primärprävention nach § 20 Abs. 4 Nr. 1 SGB V

Handlungsfelder:

  • Bewegungsgewohnheiten
  • Ernährung
  • Stressmanagement
  • Suchtmittelkonsum
  1. Lebensweltbezogene Gesundheitsförderung und Prävention nach § 20a SGB V

Die lebensweltbezogenen Handlungsfelder der Gesundheitsförderung und Prävention sind Ernährung, Bewegung, Stressreduktion, Entspannung, Stärkung psychischer Ressourcen, Vermeidung bzw. Verminderung des Einstiegs in den Konsum von Genuss- und Suchtmitteln.

  1. Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) nach § 20b SGB V

Handlungsfelder:

  • Verhältnis-Prävention:
    Beratung zur gesundheitsförderlichen Arbeitsplatzgestaltung
  • Verhaltens-Prävention:
    Gesundheitsförderlicher Arbeits- und Lebensstil
  • Überbetriebliche Vernetzung und Beratung in der BGF

Diese Informationen und noch viel mehr findet ihr im GKV-Leitfaden Prävention vom 21. Juni 2000 i.d.F. vom 1. Oktober 2018 .

Teilnahme an einer gesundheitsfördernden Maßnahme – für Privatpersonen

Durch den §20 SGB V ist das Recht eines jeden Versicherten in Deutschland gesichert, bei den Kosten für gesundheitsfördernde Maßnahmen, wie beispielsweise Entspannungskursen, von den gesetzlichen Krankenkassen unterstützt zu werden. In der Regel übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen zwischen 70 und 80% der Kosten für eine Maßnahme. Der überwiegende Teil der privaten Krankenkassen übernimmt keine Kosten.

Die einzige Einschränkung dabei ist, dass der Anbieter der Maßnahme durch die Zentrale Prüfstelle Prävention (ZPP) zertifiziert sein muss. Bevor du dich also für eine Maßnahme entscheidest, prüf zunächst, ob dies der Fall ist. Du findest über die Informationen zur Kooperationsgemeinschaft der teilnehmenden Krankenkassen die jeweils zertifizierten Anbieter auf deren Webseite. Starte deine Suche direkt beim Portal der ZPP, indem du unten auf der Seite auf deinen Krankenversicherer klickst, oder schaue direkt auf der Website deiner Krankenkasse nach.

So bietet zum Beispiel die AOK NORDWEST Gesundheitskurse für ihre Versicherten an, die zu 100% bezuschusst werden.

Wenn du dich für eine Maßnahme und einen Anbieter entschieden hast, ist der nächste Schritt die Kontaktaufnahme mit diesem. Du musst dann lediglich zunächst in Vorkasse treten und die Kursgebühr beim Anbieter bezahlen. Nachdem du den Kurs beendet hast (eine mindestens 80%ige Teilnahme ist erforderlich), bekommst du eine Bescheinigung über die erfolgreiche Teilnahme. Diese reichts du dann einfach bei der Krankenkasse ein. Dies geht meistens sogar online.

Du erhältst dann den erstattungspflichtigen Anteil von deiner Krankenkasse zurück.

Die Kosten für einen Entspannungskurs könnten für dich dann so aussehen:

Kursgebühr: 105 EUR

Kurseinheiten: 8 Einheiten á 60 Min.

Erstattungsanteil: 80%

Eigenanteil Kursteilnehmer: 21,00 EUR

Bei acht Kurseinheiten pro Einheit:  2,63 EUR

Ihr seht also, es lohnt sich wirklich die Vorteile, die durch den 20§ für euch gesichert sind zu nutzen und in eure Gesundheit zu investieren!

Gesundheitsfördernde Maßnahmen in Unternehmen – eine Win-Win Situation

Gesundheitsförderung ist generell als ein ganzheitlicher Prozess zu definieren. Er hat zum Ziel allen Menschen mehr Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen. Er stellt ihnen somit die Mittel zur Verfügung  ihre eigene Gesundheit bewusst zu stärken. Dieser Prozess ist holistisch gedacht. Ihm liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Menschen erst dann körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden erlangen, wenn es ihnen ermöglicht wird:

  • ihre Bedürfnisse zu befriedigen,
  • ihre Wünsche und Hoffnungen wahrzunehmen und bestenfalls verwirklichen zu können und
  • wenn sie die Möglichkeit haben ihre Umwelt meistern bzw. verändern zu können.

Betriebliche Gesundheitsförderung wurde bereits 1997 in der Luxemburger Deklaration definiert als gemeinsame Aufgabe von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und der Gesellschaft.  Sie umfasst alle gemeinsamen Maßnahmen , die

  • auf die Verbesserung der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen,
  • der Förderung einer aktiven Mitgliederbeteiligung und
  • der Stärkung persönlicher Kompetenzen

abzielen.

Wir stellen immer wieder fest, dass die Begrifflichkeiten Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) sprachlich synonym verwendet werden. Von daher ist es uns ein Anliegen kurz den Unterscheid darzustellen:

Das Betriebliche Gesundheitsmanagement befasst sich ganzheitlich mit der Gestaltung, Lenkung (Leadership) und Entwicklung organisatorischer Strukturen und Prozesse. Das BGM modelliert die kurz-, mittel und langfristigen strategischen Rahmenbedingungen rund um die Themen Arbeit, Organisation, Verhältnis und Verhalten am Arbeitsplatz. Aus Sicht des Prozessmanagements handelt es ich um einen Unterstützungs- bzw. Supportprozess.

Die Betriebliche Gesundheitsförderung stellt dahingehend die operative Umsetzung der konkreten Maßnahmen innerhalb des BGM dar.

Im Mikrokosmos einer Organisation werden im Rahmen eines BGM-Konzeptes mehrere Analyse- und Gestaltungsebenen zu einer umfassenden Handlungsstrategie ausgestaltet. Diese umfasst die Ebenen Mensch, Organisation und Arbeit und ist individuell für jedes Unternehmen zu konzipieren. Konkrete BGF-Projekte bestehen aus einer Kombination von Maßnahmen auf der Verhaltens- und der Verhältnisebene. Mit der Verhältnisebene sind die äußeren Faktoren gemeint, die die Arbeit in einem Unternehmen begleiten. Beispiele hierfür sind die Schaffung eines ergonomischen Arbeitsplatzes, Optimierung von Arbeitsabläufen und Leadership-Kurse für Führungskräfte. Maßnahmen auf der Verhaltensebene zielen auf das Verhalten der einzelnen Mitarbeiter ab. Konkret können beispielsweise Entspannungskurse, individuelle Ernährungsberatung und Bewegungskurse in den Alltag der Unternehmen implementiert werden.

Der §20 SGB V sichert nun ab, dass diese Maßnahmen, die meistens von externen Dienstleistern angeboten werden, auch durch die Krankenkassen gefördert werden. Unabhängig davon lohnt sich die Investition in eine Wende hin zu einem ganzheitlich gesunden Unternehmen enorm, wie verschiedene Studien beweisen. So belegen verschiedene Befragungen und Studien der Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) und der Bundesverbände der AOK und der BKK einen durchweg positiven Effekt einer Investition in ein BGM bzw. in BGF. Durch verminderte Kosten durch Krankenstände und Fehlzeiten rentiert sich der finanzielle Aufwand .

Ein Beispiel für so eine Investition kann so aussehen:

Maßnahmen:

  • Schulungen Führungskräfte 9.600 EUR
  • Kurse Mitarbeiter 7.380 EUR
  • Gesundheitstag 9.380 EUR
  • neue Stühle, höhenverstellbare Tische 14.816 EUR
  • Schutzimpfungen 1.630 EUR
  • Personalaufwand (ca. ¼ Stelle) 13.128 EUR –
  • Sonstige Sachkosten (geschätzt) 2.500 EUR

Summe Aufwand                                                    58.434 EUR

Minus Zuschüsse Krankenkasse                      14.250 EUR

Minus Steuervorteil                                                  7.300 EUR

Aufwand =                                                                  36.884 EUR

 

Geht man dann von einem durchschnittlichen Krankenstand pro Jahr von 4,8 % vor der Durchführung des BGM-Projektes aus, der sich auf 3,2 % im Folgejahr verringert hat, bedeutet dies einen Rückgang der Kosten durch Entgeltfortzahlungen von 630.144 EUR auf 420.318 EUR und somit einen Ertrag von 209.826 EUR. Der Gewinn durch ein BGM-Projekt beläuft sich somit, nach Abzug der Kosten für die Maßnahmen auf 172.942 EUR.1
Wenn ihr als Unternehmer mehr zu konkreten Angeboten und Abläufen erfahren wollt, schreibt uns doch einfach eine E-Mail oder ruft uns an. Natürlich könnt ihr uns auch über unsere Social-Media-Kanäle erreichen.

Anbieter – Sicherstellung der Qualität der eigenen Angebote

Um als Anbieter vom §20 profitieren zu können, müsst ihr zunächst die Zertifizierung eurer Angebote über die ZPP sicherstellen. Der Vorgang ist recht einfach und kann direkt online über die Webseite der Zentralen Prüfstelle Prävention erfolgen.

Die Vorteile einer solchen Zertifizierung liegen auf der Hand. Zum einen zeigt ihr damit die Qualität eurer Kursangebote, was es einfacher macht das Vertrauen eurer Teilnehmer zu gewinnen. Zum anderen werdet ihr durch die Aufnahme in die Datenbanken der großen Krankenversicherungen sichtbarer und seid attraktiver für Interessenten. So können eure Teilnehmer direkt mit ihrer Krankenkasse den durch den §20 SGB V gesetzlich gesicherten Zuschuss bzw. die Kostenübernahme recht unbürokratisch regeln.

Um eure Angebote von der ZPP zertifizieren lassen zu können, müssen sie den Kriterien entsprechen, die der GKV-Spitzenverband in Zusammenarbeit mit den Verbänden der Krankenkassen auf Bundesebene im GKV-Leitfaden Prävention für Leistungen in der Primärprävention und der betrieblichen Gesundheitsförderung festgelegt hat. Alle Informationen und Details könnt ihr selbst unter https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/praevention_selbsthilfe_beratung/praevention_und_bgf/leitfaden_praevention/leitfaden_praevention.jsp nachlesen.

Einige wichtigste Punkte haben wir euch in unserer Checkliste zusammengetragen:

  • Euer Angebot gehört zu einem der Handlungsfelder der Präventionsprinzipien
    • verhaltensbezogene Primärprävention
      • Handlungsfelder:
    • Bewegungsgewohnheiten
    • Ernährung
    • Stressmanagement
    • Suchtmittelkonsum
    • lebensweltbezogene Gesundheitsförderung und Prävention
      • Handlungsfelder:
    • Ernährung, Bewegung, Stressreduktion, Entspannung, Stärkung psychischer Ressourcen, Vermeidung bzw. Verminderung des Einstiegs in den Konsum von Genuss- und Suchtmitteln
    • Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF)
      • Handlungsfelder:
    • Verhältnis-Prävention:

Beratung zur gesundheitsförderlichen Arbeitsplatzgestaltung

  • Verhaltens-Prävention:

Gesundheitsförderlicher Arbeits- und Lebensstil

Überbetriebliche Vernetzung und Beratung in der BGF

  • Ihr erfüllt mit eurer Ausbildung den fachlichen Mindeststandard für die von euch angebotenen Kurse
    • Die nötigen Qualifikationen sind dabei sehr unterschiedlich je nach Richtung des Kurses
    • Durch die Qualifikationsprüfung habt ihr die Möglichkeit auch verschiedene handlungsfeldbezogene Ausbildungen (Studium, Berufsausbildung) und Weiterbildungen zum Nachweis der Erfüllung der Mindeststandards zu nutzen
  • Euer Kurs hat ein festes Konzept und ihr habt sowohl die Kosten, als auch den Nutzen für die Teilnehmer klar definiert
    • Extra-Tipp: Gerade in der derzeitigen Situation durch die Covid-19-Pandemie haben sich online-Angebote bewährt und auch diese können zertifiziert werden!

ReitzNavigation – Lead People Lead Change Lead Business

Wenn ihr als Privatperson, Vertreter eures Unternehmens oder als Anbieter jetzt überlegt die Möglichkeiten des §20 SGB V zu nutzen und gerne konkrete Angebote hättet, meldet euch bei uns. Wir stehen euch mit unserer Expertise zur Verfügung und bieten individuelle Konzepte für die Bereiche Persönlichkeitsentwicklung, Betriebliche Gesundheitsförderung, Betriebliches Gesundheitsmanagement und Leadership an und beraten und informieren euch unverbindlich.

Wer sein Wissen zu den Themen Primärprävention und Gesundheitsförderung vertiefen möchte, findet die Kommentierung des § 20 SGB V durch Alexander W. Reitz im Beck Verlag OK unter Link: BeckOK

 

1. Alle Zahlen sind fiktiv, basieren aber auf den Erkenntnissen aus den oben genannten Studien und Untersuchungen/ IGA Report 2010/11. Sie dienen in diesem Fall dazu das Einsparpotential (Verhältnis zwischen Ausgaben und zu erwartenden reduzierten Krankenkosten) darzustellen.

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